Nach einer allzu kurzen Nacht muss ich – das ist eh nicht so mein Ding – noch vor 7 aus dem Haus. Es ist eiskalt und windig, und nach knappen 4 Stunden Schlaf nehme ich mir nicht die Zeit für’s Frühstücken, sondern hüpfe in letzter Sekunde aus dem Bett in die Schuhe und ab zur Bushaltestelle.
Später am Bahnhof reicht es dann doch, um kurz in der Espresso-Bar was zu holen. Mein Cappuccino dampft einladend, und das Gebäck in der Vitrine sieht super aus. Die da, sind das Apfelstrudel? “Yes, Apellstudell Ma’m” kommts vom hilfsbereiten Tamilen hinter der Theke. Juhu, der Tag ist also doch nicht ganz für die Katz, so langsam wach ich auf.
Zurück auf dem Bahnsteig atme ich tief durch, nehme einen kräftigen Schluck vom heissen, süssen Cappuccino – so schlimm ist die Kälte auch nicht mehr, der Tag kann losgehen… aber zunächst freue ich mich darauf, die Zähne genüsslich in die weiche, süsse, vanillig-blätterteigig-fruchtige Masse zu versenken – welch sinnlicher Genuss!
Nochmal ein grosszügiger Zug Cappuccino, um die Geschmacksnerven anzuregen und die Vorfreude auf den “Appellstudell” zu steigern. Augen zu, Mund auf, ein grosser Bissen -
Fast hätte ich es wieder ausgespuckt, schockiert schaut mich die alte Dame an, die gerade an mir vorbeiläuft (ich hätte sie bestimmt getroffen…). Es ist kein Apfelstrudel, sondern ein “Wurschtweggli”! Ehrlich gesagt schmeckt es wie Fäkalien. Automatisch laufe ich zum Mülleimer, und will das eklige Ding entsorgen. Da denk ich mir komm, du kannst doch nicht sowas kaufen und dann wegschmeissen! Denk doch an die Kinder der Dritten Welt! (Ja, auch ich habe eine anständige Erziehung genossen).
Gesagt, getan, ich atme durch, lösche die Vorurteile aus, und beisse wieder rein. Was soll ich sagen: das war das beste Wurschweggli, das ich jemals hatte.
Schon toll, wie Erwartungen uns das Leben versauen, nicht?
